Ostern in Shanghai, Pfingsten in Hamburg und dazwischen Japan. Nein, was sind wir doch kosmopolitisch geworden! Oder metropolistisch? Irgend so was in der Richtung auf jeden Fall. Nachdem wir unsere Urlaube immer meist in warmen Gefilden verbracht hatten, seit wir in Shanghai sind, nachdem wir dem Tauchen ganz klar den Vorrang vor Kultur und Sightseeing gegeben haben, haben wir uns über den berühmten May-Holiday doch endlich mal nach Japan begeben. Kulturell natürlich ein Highlight – aber ich bin ja zugegebenermaßen vor allem aus zwei Gründen dort gewesen: Sushi und Sushi. OK, Mount Fuji war auch ganz oben auf der Sehen-Will-Liste – aber die Essen-Will-Liste ist halt wichtiger…! Wir waren vier Tage in Tokio und drei Tage in Kyoto. Ersteres eine pulsierende Metropole, die irgendwie gar nichts asiatisches hat (außer den 12 Mio. Einwohnern). Letzteres eine Stadt, die im zweiten Weltkrieg bei den Bombardements verschont geblieben ist und deren Fülle an Tempeln und Schreinen meine kühnsten Vorstellungen übertroffen hat! Knapp 2000 Tempel, shintoistisch oder buddhistisch, liegen über das gesamte Stadtgebiet verteilt. Wir haben nicht mal 1% gesehen! Aber drei wesentliche haben wir uns angeschaut und den einen oder anderen kleinen haben wir bei Spaziergängen einfach im Vorbeigehen mitgenommen. Beeindruckend. Aber wie das so ist, wir waren im Mai da über die Feiertage, nicht wissend, dass Japan die gleichen Feiertage hat. In Tokio fiel das tatsächlich nicht auf, aber in Kyoto drängten sich hunderte, wenn nicht gar tausende Japaner in den kleinen Gassen der Altstadt. Mein liebster Garten, den wir deshalb morgens um 08:30 Uhr direkt zur Öffnungszeit besucht haben, war zum Glück ob der frühen Stunde menschenleer. Wie soll denn auch sonst ein Zen-Garten seine Wirkung entfalten, wenn das Auge nicht in meditativer Stille über die exakt gezogenen Kiesfurchen gleiten darf? Ich fand das unsagbar schön. Weniger empfindsame Gemüter sollen allerdings behauptet haben: Was ist denn daran toll? Ein Kiesbett mit Steinbrocken drin? Seht selbst und urteilt.
Japan hat uns insgesamt sehr gut gefallen, wenn ich auch echt ein wenig verwirrt war, WIE deutsch-ordentlich dort alles ist. Zwei Stunden von China weg und schon ist alles anders. Keine Staus, kein Chaos, keine lauten Menschen, kein Rempeln, Spucken, Rülpsen, Furzen, kein helloladywatchbagdvd, die Höflichkeit regiert Japan und das in einem Maße, das mich wirklich sprachlos gemacht hat. Neben der Tatsache, dass fast niemand Englisch spricht und wir uns einig waren, dass man in Shanghai wirklich leichter mit Englisch durchkommt, als in Tokio. Das will was heißen. Kyoto ist schon wieder viel eher auf Touristen eingestellt und deshalb kommt man da besser mit Englisch klar. Und natürlich, wie könnte ich über Tokio schreiben, ohne die als french-maid verkleideten jungen Damen zu erwähnen, die die Straßenränder säumen, um Werbung für „Maid-Cafes“ zu machen, in denen alle Damen so angezogen sind, die die Herren mit „hello master“ begrüßen und mit kurzem Röckchen den Kaffee servieren. Das weckt Begierde in den jungen Japanern – eine Begierde, die ich so überhaupt nicht nachvollziehen kann. Wie kann man denn bitte scharf drauf sein, eine Comic-Figur zu poppen?? Anyway, was soll’s. Es gibt Dinge, die ich nicht verstehen muss. Oder ist das echt sexy? Kommt, Jungs, das kann doch nicht euer Ernst sein?
Nun sind wir wieder in der Behaglichkeit unserer 4 Wände. Es war eine aufregende Woche und wir haben viel gesehen und erlebt. Und um das abzuschließen: ja, ich habe unglaublich gutes Sushi gegessen. Auch das angeblich beste Sushi der Welt in einem kleinen Laden auf dem Fischmarkt. Und ja, es ist so frisch und gut, dass ich echt einige Wochen gut auf das Sushi in Deutschland verzichten kann.
Allerdings muss ich ja eines sagen: keine europäische oder asiatische Stadt, die ich kenne, hat kulinarisch so viel zu bieten wie Shanghai! Zwei Tage nach unserer Rückkehr waren wir also bei Sushi Oyama, einem 10-Plätze-Sushi-Lokal ohne Speisekarte und haben uns noch einmal zum Vergleich vom Sushi-Chef hinter dem Tresen kulinarisch verwöhnen lassen. Und was soll ich sagen? Das Sushi wird aus Japan importiert und kann problemlos mit dem Laden am Tokioter Fischmarkt mithalten! Nur dass wir hier in Shanghai gemütlich einen Tisch reservieren können, während man dort am Fischmarkt eine Stunde anstehen muss, bis man für ca. 20. Minuten ins Lokal darf, das Mittagsmenü bekommt (A la carte geht nicht bzw. wird nicht gerne gesehen – und wer will es sich mit kleinen Japanern mit großen Messern verscherzen?) und dann sofort wieder hinaus komplimentiert wird.
Ja, das Sushi war hervorragend, aber Essen ist für mich eben nicht nur die Nahrungsaufnahme, sondern auch das Drumherum. Also bin ich glücklich, dass ich das angeblich beste Sushi der Welt auf dem Fischmarkt in Tokio gegessen habe – und überglücklich, dass ich hier in Shanghai jederzeit wieder vergleichbar gutes Sushi in richtig nettem Ambiente in Ruhe genießen kann. Nächste Woche geht es los nach D. Ich werde dort wohl fürs Erste auf Sushi verzichten, um mir die Erinnerung an den japanischen Fisch zu bewahren. Aber ich kann schon jetzt Matjesfilets und Krabbenbrötchen schnuppern. Hamburg ich komme…!

